Die Bayerische Polizei plante im Zuge einer Digitalisierungsinitiative, den bisher papierbasierten Versand von Strafzetteln um eine digitale Lösung zu ergänzen. Die Lösung wurde nach erfolgreicher Pilotphase landesweit ausgerollt und ist für mehrere zehntausend Fälle pro Monat ausgelegt.
Ziel war es, Verwaltungsaufwand zu reduzieren, Durchlaufzeiten zu verkürzen und Bürgern einen schnellen, sicheren und barrierearmen Zugang zu ihren Dokumenten zu ermöglichen (ohne zusätzliche Registrierung oder komplexe Interaktionen).
Projektkontext
Das Projekt entstand im Rahmen meiner Tätigkeit bei der Uniscon GmbH, einem Anbieter betreibersicherer Cloud-Lösungen für Behörden.
Backend-seitig sollte die bestehende On-Premise-Lösung „Secure Box Bayern“ genutzt werden, in der die Strafzettel sicher gespeichert werden. Das Frontend – also das Bürgerportal zur Einsicht der Verwarnungen – existierte noch nicht und musste neu konzipiert werden.
Im Rahmen einer Kooperation zwischen Uniscon und der Bayerischen Polizei wurde ich als UX Designer in das Projekt eingebunden und verantwortete die Konzeption und Gestaltung des Portals.
Meine Rolle & Verantwortung
Ich war verantwortlich für:
Konzeption der User Flows und Informationsarchitektur des Portals
Wireframing und High-Fidelity-Design für Desktop und Mobile
Gestaltung zentraler UI-Komponenten
Sicherstellung der Barrierefreiheit gemäß WCAG-Kriterien
Abstimmung zwischen technischen, rechtlichen und nutzerzentrierten Anforderungen
Die Herausforderung
Der Versand von Strafzetteln in Bayern erfolgte bislang papierbasiert. Bürger hatten keine Möglichkeit, ihre Verwarnung digital einzusehen oder Dokumente online abzurufen.
Gleichzeitig unterliegt ein behördliches Online-Angebot strengen Anforderungen an:
Datenschutz
IT-Sicherheit
Barrierefreiheit
formale Rechtssicherheit
Die Herausforderung bestand darin, eine digitale Lösung zu entwickeln, die diesen Rahmenbedingungen gerecht wird – und dabei für Bürger verständlich, vertrauenswürdig und einfach nutzbar bleibt.
Ziele & Rahmenbedingungen
Das Portal sollte:
Ohne Registrierung nutzbar sein
Schnell verständlich sein (auch für einmalige Nutzung)
Barrierefrei gestaltet werden
Auf mobilen Geräten ebenso gut funktionieren wie auf Desktop
Sich visuell an der Identität der Bayerischen Polizei orientieren
Klassische Nutzerinterviews waren im Projektkontext nicht möglich. Die Konzeption basierte daher auf einem definierten Anforderungskatalog der Bayerischen Polizei sowie auf Best Practices für behördliche Online-Services.
Ein besonderer Fokus lag auf der Umsetzung von WCAG-konformer Barrierefreiheit sowie auf der visuellen Anlehnung an die bestehende Identität der Bayerischen Polizei, um Vertrauen und Wiedererkennbarkeit sicherzustellen.
In der ersten Phase entwickelte ich Low-Fidelity-Wireframes, um die grundlegende Struktur des Portals zu definieren:
Login-Bereich
Seitenhierarchie
Informationsstruktur nach dem Login
Navigationslogik

In dieser Phase war noch nicht vollständig definiert, wie die Verifizierung des Nutzers erfolgen sollte, ein Eingabefeld für das Kennzeichen war daher initial noch nicht Bestandteil des Wireframes.

Zu diesem Zeitpunkt gingen wir noch davon aus, dass ein Nutzer potenziell mehrere Verstöße gleichzeitig einsehen könnte. Entsprechend sah das frühe Konzept nach dem Login eine Listenansicht mehrerer Verstöße vor, aus der einzelne Fälle per Klick geöffnet werden sollten.

Konzeptanpassung
Im weiteren Projektverlauf haben wir das Nutzungsszenario gemeinsam kritisch hinterfragt.
Dabei wurde deutlich:
Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Bürger innerhalb kurzer Zeit mehrere Parkverstöße begehen, die parallel digital abrufbar sind.
Zudem war vorgesehen, für jeden einzelnen Verstoß einen separaten digitalen Zugang zu generieren.
Die Listenansicht hätte somit in der Praxis fast immer nur einen Eintrag enthalten, was eine zusätzliche Navigationsebene ohne echten Mehrwert bedeutet hätte.
Gleichzeitig konkretisierten wir das Login-Verfahren:
Die Verifizierung sollte über das Kfz-Kennzeichen und einen individuellen Code auf dem Strafzettel erfolgen. Dadurch musste der Login-Bereich entsprechend erweitert werden.
Auf Basis dieser Erkenntnisse vereinfachte ich die Struktur.
High-Fidelity-Design
Im High-Fidelity-Mock-up wurde die Struktur daher bewusst reduziert:
Nach erfolgreichem Login gelangen Nutzer nun direkt zur Detailansicht eines einzelnen Verstoßes, ohne vorgeschaltete Listenansicht.

Die Seite zeigt klar strukturiert relevante Daten wie Aktenzeichen, Tatbestand, Höhe des Bußgelds und mehr.

Diese Vereinfachung reduzierte die Klicktiefe und vermeidet unnötige Navigationsschritte.
Icons
Die visuelle Gestaltung orientiert sich an der bestehenden visuellen Identität der Bayerischen Polizei, um Wiedererkennbarkeit und Seriosität zu gewährleisten. Ergänzend erstellte ich illustrative Icons in Adobe Illustrator, um zentrale Aussagen – etwa zum Zweck des Portals, zur Datensicherheit oder zu Umweltaspekten – schnell erfassbar zu machen und textliche Inhalte zu unterstützen.





Qualitätssicherung & Accessibility
Ein zentraler Bestandteil meiner Arbeit war die systematische Prüfung der Anwendung anhand von WCAG- und BITV-Leitlinien.
Geprüft wurden u. a.:
Tastaturbedienbarkeit
ausreichende Farbkontraste
nachvollziehbare Fokusführung
semantisch korrekte Auszeichnung für Screenreader
Identifizierte Optimierungspotenziale wurden priorisiert und hinsichtlich Umsetzungsaufwand und Nutzen abgewogen.

Gestaltung der Druckvorlage
Nach Finalisierung der Website-Mock-ups wurde ich zusätzlich beauftragt, die Druckvorlage für den QR-Code-Strafzettel zu gestalten. Ich erstellte diese in Adobe InDesign. Um Wiedererkennungswert zwischen physischem Strafzettel und digitalem Portal zu schaffen, integrierte ich das Rautenmuster der bayerischen Flagge – reduziert und druckoptimiert – auch auf der Vorlage. So entstand eine visuelle Verbindung zwischen analogem und digitalem Touchpoint.

Das im Projekt entwickelte Bürger-Infoportal wurde nach einer Pilotphase erfolgreich in den Echtbetrieb überführt. Das System ist auf mehrere zehntausend Fälle pro Monat ausgelegt. Die Nutzung des Portals ist freiwillig, alternativ wird weiterhin eine Zustellung per Post angeboten. Durch die digitale Bereitstellung von Strafzetteln und Zahlungsinformationen konnte aber der administrative Aufwand für Erstellung, Druck und postalische Zustellung reduziert werden. Gleichzeitig erhalten Betroffene einen schnelleren und transparenteren Zugriff auf ihre Verwarnungen, unabhängig von Ort und Endgerät.
Das System wird durch eine mobile Erfassungs-App für Polizeibeamte ergänzt, wodurch ein durchgängig digitaler Prozess entsteht.

Das Projekt hat mir vor Augen geführt, wie stark sich UX-Arbeit im behördlichen Umfeld von klassischen Produktprojekten unterscheidet.
Die Arbeit mit Anforderungskatalogen, die enge Abstimmung mit Entwicklung und Projektleitung sowie die kontinuierliche Validierung von Designentscheidungen im Kontext der bestehenden Systemlandschaft haben meinen Blick für realistische, langfristig tragfähige Lösungen geschärft.
Rückblickend hätte eine frühere und engere Einbindung realer Endnutzer zusätzliche qualitative Erkenntnisse liefern können, etwa zur Verständlichkeit einzelner Begriffe oder zur Wahrnehmung des Login-Prozesses. Gleichzeitig habe ich gelernt, dass in stark regulierten Projekten auch alternative Zugänge zu Nutzerbedürfnissen notwendig sind. In diesem Fall übernahm die systematische Prüfung der Barrierefreiheit eine wichtige Rolle, um Nutzungshürden frühzeitig zu identifizieren und abzubauen.




